Übergewicht bei Katzen – ein oft unterschätztes Risiko

Wussten Sie, dass mehr als 50 % aller Hauskatzen in Deutschland übergewichtig sind? Übergewicht ist keine reine Schönheitsfrage, sondern eine ernsthafte Gesundheitsgefahr für Ihre Katzen.

Inhaltsverzeichnis

Warum ist Übergewicht gefährlich?

Aktuelle Studien zeigen, dass übergewichtige Katzen ein deutlich höheres Risiko haben für:

  • Diabetes mellitushäufige Folge bei adipösen Katzen
  • Arthrose und Gelenkschmerzen Überlastung und andere Faktoren schränken die Beweglichkeit adipöser Katzen ein
  • Herz-und Atemprobleme – insbesondere bei adipösen älteren Katzen
  • Verkürzte Lebenserwartung – Verkürzung der Lebenszeit um bis zu 2 Jahre bei adipösen Katzen

Wie erkenne ich Übergewicht bei Katzen und wann sollte ich zum Tierarzt gehen?

Tierärzte und Tierärztinnen arbeiten mit dem Body Condition Score (BCS) – einer Skala von 1 bis 9.

  • Optimal 4-5
  • Übergewicht 6-7
  • Fettleibig 8–9

Ein einfacher Test für zu Hause:

  • Rippen sind schwer tastbar → Hinweis auf Übergewicht
  • Taille von oben nicht sichtbar → Alarmzeichen

Spätestens dann, wenn für Sie ersichtlich ist, dass Ihre Katze zu dick ist, sollten Sie Ihren Tierarzt/Ihre Tierärztin um Rat bitten.

Ernährung und Bewegung - die zwei Stellschrauben

  • Kalorienreduktion: Spezielles Diätfutter mit hohem Protein- und niedrigem Fettgehalt
  • Fütterungsmanagement: kleine Portionen, keine ständige Futterverfügbarkeit
  • Bewegung fördern: Spielangel, Futterlabyrinthe, erhöhte Liegeplätze

Doch Achtung: Keine Radikaldiäten – zu schnelles Abnehmen kann bei Katzen leicht zu einer Fettleber (hepatische Lipidose) führen, einer lebensbedrohlichen Erkrankung.

Diabetes mellitus – häufige Folge bei adipösen Katzen

Warum kann Übergewicht zu Diabetes mellitus führen?

  1. Insulinresistenz

  • Ein erhöhter Anteil von Fett, insbesondere im Bauchraum, führt zu einer verminderten Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Insulin. Insulin ist für die Regulation des Blutzuckerspiegels im Blut zuständig und sorgt dafür, dass der Blutzucker in die Zellen gelangt.
  • Fettzellen schütten Botenstoffe aus, die entzündungsfördernd wirken sowie Hormone, die die Insulinwirkung hemmen.
  • Gleichzeitig sinkt die Konzentration eines Hormons (Adiponectin). Adiponectin erhöht die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Insulin und wirkt entzündungshemmend. Ein niedriger Spiegel dieses Hormons erhöht damit das Risiko für die Entwicklung eines Diabetes.
  1. Störung der Glukosetoleranz

  • Die durch die Fettzellen verursachte Insulinresistenz bewirkt, dass Glukose schlechter von Zellen des Muskel-, Fett- und Lebergewebes aufgenommen wird.
  • Die Bauchspeicheldrüse reagiert mit einer erhöhten Insulinproduktion und -freisetzung.
  1. Erschöpfung der insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse

  • Langfristig führt die dauerhafte Überproduktion von Insulin zu einer Schädigung der insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse
  • Zusätzlich lagern sich Eiweißaggregate (Amyloide) in den insulinproduzierenden Zellen ab, die deren Funktion beeinträchtigen und letztlich zum Absterben der Zellen führen. Damit kann es zu einem Insulinmangel kommen.
  1. Entstehung des Diabetes mellitus

Die Kombination aus Insulinresistenz und nachfolgendem Insulinmangel führt zu der Ausprägung eines Diabetes mellitus.

Häufigkeit und Risikofaktoren

  • Studien zeigen, dass übergewichtige Katzen ein 3- bis 5-fach höheres Risiko haben, an Diabetes mellitus zu erkranken.
  • Besonders gefährdet sind:
    • Kater
    • Kater und Katzen in mittlerem und höherem Alter
    • Bestimmte Rassen wie Burmesen
    • Kater und Katzen mit relativ inaktiver Lebensweise und hochkalorischer Fütterung

Klinische Relevanz

  • Adipositas gilt heute als der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für Diabetes mellitus bei Katzen
  • Gewichtsreduktion verbessert nachweislich die Insulinempfindlichkeit und kann bei frühzeitig diagnostiziertem Diabetes sogar zu einer Remission (Zurückbildung) führen, sodass kein Insulin mehr gegeben werden muss.

Zusammenfassung

Fettleibigkeit bei Katzen fördert durch Insulinresistenz, chronische Hyperinsulinämie, Ermüdung der insulinproduzierenden Zellen und amyloide Ablagerungen die Entstehung von Diabetes mellitus.
Eine präventive Gewichtskontrolle ist daher eine der effektivsten Maßnahmen, um das Diabetesrisiko bei Katzen deutlich zu senken.

Arthrose und Gelenkschmerzen - eine häufige Folge von Übergewicht bei Katzen

  • Arthrose ist bei Katzen weit verbreitet: Radiologische Untersuchungen zeigen Anzeichen degenerativer Gelenkveränderungen bei über 60 % aller Katzen, die älter als 6 Jahre sind.
  • Übergewicht ist ein signifikanter Risikofaktor für das Auftreten und das Voranschreiten dieser Erkrankung.
  • Studien in der Veterinärmedizin weisen darauf hin, dass Adipositas nicht nur durch Überlastung, sondern auch über metabolische (stoffwechselbedingte) und inflammatorische Mechanismen (Entzündungen) zur Arthroseentwicklung beiträgt – ähnlich wie beim Menschen und beim Hund.

Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit (Adipositas) und Schäden an Gelenken

  1. Mechanische Überlastung der Gelenke

  • Übergewicht führt zu einer erhöhten mechanischen Belastung der Gelenkstrukturen, insbesondere der Hüft-, Knie- und Ellbogengelenke.
  • Diese chronische Überlastung beschleunigt den Knorpelabrieb und die Entwicklung degenerativer Veränderungen.
  • Katzen kompensieren Schmerzen oft lange. Sie zeigen lediglich Bewegungsunlust, verminderte Sprungkraft oder Veränderungen im Putzverhalten.
  1. Metabolische und entzündliche Effekte des Fettgewebes

  • Fettgewebe ist nicht nur ein Energiespeicher, sondern auch ein aktives endokrines (hormonfreisetzendes) Organ.
  • Bei adipösen Katzen werden Adipokine und entzündungsfördernde Zytokine vermehrt ausgeschüttet.
  • Diese Botenstoffe fördern Entzündungsprozesse in den Gelenken, die die Knorpeldegeneration und die Schmerzempfindlichkeit verstärken.
  1. Chronische niedriggradige Entzündungen (low-grade inflammation)

  • Adipositas induziert einen Zustand einer dauerhaften, milden systemischen (den ganzen Körper betreffenden) Entzündung.
  • Diese begünstigt die Synovitis (Entzündung der Gelenksinnenhaut) und verstärkt degenerative Prozesse im Knorpel.

Symptome bei chronischen Gelenkentzündungen übergewichtiger Katzen

  • Übergewichtige Katzen zeigen häufiger reduzierte Beweglichkeit, Lahmheit oder Veränderungen im Verhalten (z. B. weniger Klettern, Springen, oder geringere Fellpflege).
  • Adipositas verschlechtert die Lebensqualität durch Verstärkung der Schmerzen.

Gewichtsreduktion führt nachweislich zu einer klinischen Verbesserung der Beweglichkeit und Schmerzlinderung bei Katzen mit chronischen Gelenkentzündungen (Arthrosen).

Zusammenfassung

Adipositas fördert die Entstehung und Progression von Arthrose bei Katzen durch:

  • Mechanische Überbelastung der Gelenke,
  • metabolisch-entzündliche Wirkungen des Fettgewebes und
  • systemische low-grade Entzündungen.

Eine konsequente Gewichtskontrolle und ein angepasstes Management (Diät, Bewegungstherapie, Schmerzmanagement) stellen zentrale Maßnahmen dar, um Arthrose und Gelenkschmerzen bei Katzen vorzubeugen oder sie zu lindern.

Adipositas (Fettleibigkeit) und Herz- und Atemprobleme bei Katzen:

Zusammenhang zwischen Übergewicht und Herz- und Atemproblemen bei Katzen

Konkrete epidemiologische Daten für Katzen sind nur in geringerer Zahl und weniger umfassend als beim Hund und beim Menschen vorhanden, doch tiermedizinische Studien zeigen klare Zusammenhänge:

  • Adipositas reduziert die Atemfunktion messbar (Feldman et al., 2007; Lecoindre & Paradis, 2015).
  • Übergewichtige Katzen zeigen häufiger Atemnot und reduzierte Belastbarkeit (Laflamme, 2012).

In kardiologischen Untersuchungen wird Adipositas als Risikofaktor für Hypertonie und sekundäre Herzprobleme eingestuft.

Auswirkungen auf das Atemsystem

  •  Mechanische Einschränkung:

Übermäßige Fettablagerungen im Brustkorb und im Bauchraum reduzieren die Beweglichkeit des Zwerchfells und die Dehnbarkeit der Lunge. Die Folge sind eine verminderte Vitalkapazität (Luftvolumen zwischen maximaler Einatmung und maximaler Ausatmung), flachere Atmung und geringere Sauerstoffversorgung.

  • Obstruktion der Atemwege:

Adipositas erhöht das Risiko für obstruktive Atemwegserkrankungen durch Einengung der oberen Atemwege (z. B. Fettablagerungen im Rachenbereich). Besonders bei brachyzephalen (kurzköpfigen) Katzenrassen, z. B. Persern, können die Symptome verstärkt auftreten.

  • Hypoxie und Belastungsintoleranz:

Adipöse Katzen zeigen schneller Atemnot (Dyspnoe) bei Belastung oder Stress, teilweise auch Ruhe-Dyspnoe.

Auswirkungen auf das Herz- Kreislauf-System

  • Erhöhte Herzarbeit:

Adipositas führt zu einem gesteigerten Blutvolumen, das das Herz in einer bestimmten Zeit durch den Körper pumpen muss (Herzzeitvolumen), da der Organismus das vergrößerte Gewebe mit Blut versorgen muss. Das belastet insbesondere das linke Herz und begünstigt eine hypertrophe Anpassung (Herzmuskelverdickung).

  • Bluthochdruck (Hypertension):

Studien zeigen, dass übergewichtige Katzen häufiger unter arterieller Hypertonie leiden. Die Kombination aus Bluthochdruck und erhöhter Herzarbeit kann zu hypertropher Kardiomyopathie (HCM) beitragen und bestehende Herzerkrankungen verschlimmern.

  • Dyslipidämie und Entzündung:

Adipose Katzen weisen oft Veränderungen im Fettstoffwechsel (↑ Triglyzeride, ↑ Cholesterin) sowie eine chronische niedriggradige Entzündung auf. Diese Faktoren tragen zu einer Funktionsstörung der innersten Schicht der Blutgefäße bei und können das Voranschreiten von Herz- Kreislauferkrankungen fördern.

Zusammenfassung

Fettleibigkeit bei Katzen beeinträchtigt sowohl die Atmungsmechanik (durch mechanische Einschränkung und Atemwegseinengung) als auch das Herz-Kreislauf-System (durch erhöhte Herzarbeit, Hypertonie und entzündliche Prozesse).
Sie gilt daher als wesentlicher Risikofaktor für respiratorische (Atmungs-) Beschwerden und kardiovaskuläre Erkrankungen.
Die Gewichtskontrolle stellt eine der wichtigsten vorbeugenden und therapeutischen Maßnahmen dar, um Herz- und Atemprobleme bei Katzen vorzubeugen oder diese zu verbessern.

Adipositas (Fettleibigkeit) verkürzt die Lebenserwartung bei Katzen

  • Konkrete Langzeitdaten bei Katzen sind begrenzter als bei Hunden, dennoch gilt Adipositas in der Kleintiermedizin als wesentlicher Faktor für Morbidität (Häufigkeit von Erkrankungen )und Mortalität (Sterberate). Adipöse Katzen haben ein signifikant erhöhtes Risiko für frühzeitige Todesursachen, insbesondere durch Diabetes, Arthrose und Folgeerkrankungen.
  • Bei Menschen und bei Hunden ist dieser Sachverhalt wissenschaftlich gut belegt.
  • Allgemein gilt: Übergewichtigkeit wird mit einer verkürzten Lebenserwartung von 1,5 bis 2,5 Jahren in Verbindung gebracht.

Übertragen auf Katzen bedeutet dies: Adipositas reduziert die Lebenserwartung erheblich, wobei die Kombination aus metabolischen Erkrankungen, orthopädischen Problemen und erhöhter Infektanfälligkeit den größten Beitrag leistet.

Ursachen für eine verkürzte Lebenserwartung bei übergewichtigen Katzen

  1. Multiorganbelastung
  • Übergewichtige Katzen entwickeln häufiger metabolische Störungen (z. B. Insulinresistenz, Dyslipidämien), die eine Vielzahl von Organsystemen beeinträchtigen.
  • Fettleibigkeit führt zu einer chronischen „low-grade“-Entzündung durch die Ausschüttung entzündungsfördernder Stoffe aus dem Fettgewebe, die an der Entstehung zahlreicher Erkrankungen beteiligt sind.

2. Erhöhtes Erkrankungsrisiko

  • Diabetes mellitus Typ 2: Adipositas ist der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung von Diabetes bei Katzen.
  • Orthopädische Erkrankungen: Gelenkbelastung und entzündliche Prozesse führen zu Arthrose und chronischen Schmerzen.
  • Herz- und Atemwegserkrankungen: Adipositas steigert das Risiko für Hypertonie, Herzmuskelerkrankungen und Atemprobleme.
  • Neoplasien: Studien deuten auf ein erhöhtes Risiko für bestimmte Tumoren hin (z. B. Mammatumoren bei Katzen, stärker belegt beim Hund und Menschen).

3. Organische Spätfolgen

  • Dauerhafte Insulinresistenz → Erschöpfung der Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse → Manifestation von Diabetes.
  • Chronische Belastung von Herz und Gefäßen → kardiovaskuläre Komplikationen.
  • Eingeschränkte Beweglichkeit → Reduktion der Muskelmasse und weitere metabolische Verschlechterung.

Zusammenfassung

Adipositas bei Katzen ist weit mehr als ein kosmetisches Problem. Sie ist die häufigste ernährungsbedingte Erkrankung bei Hauskatzen und gilt als entscheidender Risikofaktor für eine verkürzte Lebensspanne. Sie fördert die Entstehung zahlreicher chronischer Erkrankungen, belastet die Organfunktionen und schränkt die Lebensqualität ein.
Lassen Sie Ihre Katze bei jedem Tierarztbesuch wiegen. Eine präventive Gewichtskontrolle sowie konsequentes Gewichtsmanagement sind entscheidend, um Katzen ein längeres und gesünderes Leben zu ermöglichen.

Bereits eine moderate Gewichtsreduktion kann:

  • die Insulinempfindlichkeit verbessern,
  • Gelenk- und Atemprobleme lindern,
  • das Herz- Kreislaufsystem und die Atemfunktion entlasten
  • die Lebensqualität und Prognose deutlich erhöhen.

Literaturverzeichnis

  • German, A. J. (2006). The growing problem of obesity in dogs and cats. The Journal of nutrition136(7), 1940S-1946S.
  • Kölle, P., Baum, L., Ziese, A. L., & Moritz, J. (2023). Adipositas bei Hund und Katze–ein unterschätztes Tierschutzproblem. Der Praktische Tierarzt104.