Die chronische Nierenerkrankung, oder chronische Niereninsuffizienz, kurz CKD (vom englischen chronic kidney disease), ist eine der wichtigsten Alterskrankheiten bei Hunden und Katzen.
Nach Studien von 2023 der International Renal Interest Society (IRIS) geht man davon aus, dass 1 bis 3 % aller unserer Hunde und Katzen darunter leiden. Katzen bewegen sich im oberen Bereich dieser Skala, Hunde im unteren Bereich. Viele Tierbesitzer wissen nichts davon, dass ihre Tiere erkrankt sind, da die Krankheit bis zu einem Verlust von 60–90 % der Nierenfunktion fast ohne Symptome verlaufen kann.
Chronische Nierenerkrankung bei Hund und Katze – was sich in der Behandlung gerade verändert
Lange galt die CKD als „schleichender, unvermeidlicher Altersbegleiter“, den man oft erst im Spätstadium erkannte und behandelte.
Die offiziellen Zahlen scheinen das Problem immer noch deutlich zu unterschätzen. Neuere Studien zeigen,
- dass etwa jede dritte bis vierte Katze über 10 Jahre eine Form von chronischer Nierenerkrankung aufweist. Teilweise wird, je nach Studie, auch von 50 % betroffener Katzen, die älter als 12 Jahre sind, gesprochen.
- Auch bei Hunden gehört CKD zu den häufigsten chronischen Erkrankungen bei Senioren.
Da die Erkrankung immer noch bei einem großen Teil der Tiere erst spät erkannt wird, leben viele Hunde und Katzen jahrelang mit einer CKD, bevor sie überhaupt diagnostiziert werden. Es vergeht viel Zeit, in der man noch viel Einfluss auf Verlauf und Lebensqualität hätte nehmen können.
Inzwischen zeigen neue Erkenntnisse aus der Humanmedizin und der Tiermedizin: Entscheidend sind frühe Diagnose, durchdachte Fütterung und ein Blick auf Herz, Blutdruck und Muskulatur und nicht nur auf einen einzelnen Nierenwert.
Wichtige Bausteine der Frühdiagnostik
Früher erkennen: mehr als „nur Kreatinin“!
Früher wurde CKD praktisch ausschließlich mit klassischen Blutwerten wie Kreatinin und Harnstoff gesucht. Heute wird die Diagnostik deutlich feiner und früher.
SDMA – symmetrisches Dimethylarginin
- SDMA ist ein Abbauprodukt der Aminosäure Arginin und wird vor allem über die Niere ausgeschieden.
- Es steigt im Blut an, wenn die Filtrationsleistung der Niere (die sogenannte glomeruläre Filtrationsrate) sinkt – oft früher als Kreatinin.
- Vorteil: SDMA ist weniger abhängig von der Muskelmasse. Gerade bei schlanken, älteren Katzen ist das wichtig, weil Kreatinin bei wenig Muskulatur „zu gut“ aussehen kann.
UPC – Protein-Kreatinin-Quotient im Urin
- UPC steht für Urine Protein-to-Creatinine Ratio, übersetzt: Protein-Kreatinin-Verhältnis im Urin.
- Statt nur zu schauen, ob Protein im Harn ist, misst man, wie viel im Verhältnis zum Kreatinin. So kann man eine relevante Proteinurie (krankhaft erhöhten Proteinverlust über die Niere) objektiv einordnen – unabhängig davon, wie konzentriert der Harn ist.
- Eine anhaltend hohe Proteinurie schädigt die Nieren weiter und ist ein wichtiger Risikofaktor für das Fortschreiten und die Prognose.
Blutdruckmessung
- Chronische Nierenerkrankungen gehen oft mit Bluthochdruck einher.
- Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck schädigt umgekehrt die Niere, aber auch Herz, Augen und Gehirn.
- Daher gehört die Blutdruckmessung heute zur Standarddiagnostik bei CKD – hauptsächlich bei Katzen, aber auch bei Hunden.
Harnuntersuchung und Bildgebung
- Spezifisches Gewicht (Konzentrationsfähigkeit der Niere), Sediment (Entzündungszellen, Bakterien, Kristalle) und ggf. Urinkultur ergänzen das Bild.
- Ultraschall hilft, Nierengröße und -struktur zu beurteilen und andere Ursachen auszuschließen.
IRIS-Staging – Einteilung der Schwere
- Die IRIS (International Renal Interest Society) bietet ein Schema, mit dem CKD je nach Schweregrad in Stadien (Stages) eingeteilt wird.
- Eingeflossen sind u. a. Kreatininwert, SDMA, Proteinurie (UPC) und Blutdruck.
- Dieses Staging hilft, die Therapie gezielt und dem Stadium entsprechend anzupassen.
Fütterung: weg von „so wenig Protein wie möglich“
In der Humanmedizin wird aktuell intensiv diskutiert, ob strenge Eiweißrestriktion bei Menschen mit CKD wirklich immer sinnvoll ist – oder ob manche Patientengruppen sogar von etwas mehr Protein profitieren, um Muskelabbau zu vermeiden.
Für Hunde und Katzen kann man diese Erkenntnisse nicht 1:1 übertragen, aber der Trend geht auch hier weg vom Schwarz-Weiß-Denken:
Frühe Stadien: Qualität vor radikaler Reduktion
- In frühen Stadien (frühes IRIS-Stadium 1–2 ohne starke Proteinurie) ist eine harte Eiweißbremse meist nicht notwendig.
- Wichtig ist eher:
- hochwertiges Protein in ausreichender Menge,
- konsequente Phosphorreduktion,
- ausreichende Energiezufuhr,
- und eine Diät, die die Niere entlastet, aber nicht den Körper „auszehrt“.
Fortgeschrittene Stadien: moderate Proteinreduktion, keine Hungerkur
- In späteren Stadien (höhere IRIS-Stadien, deutliche Proteinurie, ausgeprägte Azotämie) kommen klassische Nierendiäten zum Einsatz:
- Protein moderat reduziert,
- Phosphor deutlich reduziert,
- angepasstes Natrium und oft Zusatz von Omega-3-Fettsäuren.
- Ziel ist es, die Giftstoffbelastung zu senken, ohne den Körper in einen Protein-Energie-Auszehrungs-Zustand zu bringen – also ohne Muskel- und Substanzverlust.
MCS – Muskelzustand im Blick behalten
Hier kommt der MCS ins Spiel – der Muscle Condition Score:
- Der Muscle Condition Score ist eine standardisierte Beurteilung der Muskelmasse, unabhängig vom Körperfett.
- Ergänzend dazu gibt es den BCS (Body Condition Score), der das Fettgewebe beurteilt.
- Gerade bei älteren CKD-Patienten ist es möglich, dass der Hund oder die Katze noch „normal“ oder gar etwas rundlich wirkt, aber massiv Muskulatur verliert.
Deshalb gilt heute:
Nierendiät – ja, aber nur so streng, wie es der Muskelzustand und das Stadium zulassen.
Regelmäßige Kontrolle von Gewicht, Body Condition Score und Muscle Condition Score ist inzwischen fester Bestandteil moderner CKD-Therapie.
Herz und Niere: ein empfindliches Zusammenspiel
Immer klarer wird auch, dass CKD nicht nur ein „Nierenproblem“ ist, sondern eng mit einem Herz-Kreislauf-Risiko verknüpft ist:
- Viele CKD-Patienten entwickeln Bluthochdruck, der wiederum das Herz belastet und die Niere weiter schädigt.
- Es kann zu Herzmuskelverdickung und strukturellen Veränderungen kommen.
- Umgekehrt führen Herzerkrankungen und entsprechende Therapien (z. B. entwässernde Medikamente) leicht zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion, wenn man nicht genau hinschaut.
RAAS-Blockade – Schutz für Herz und Niere
Eine wichtige Rolle spielt hier die sogenannte RAAS-Blockade.
RAAS steht für Renin–Angiotensin–Aldosteron–System – ein Hormonsystem, das Blutdruck, Salz- und Wasserhaushalt reguliert.
Bei CKD und bei Herzproblemen ist dieses System oft überaktiv:
- Gefäße ziehen sich zusammen,
- Blutdruck steigt,
- Die Niere wird auf Dauer zusätzlich geschädigt.
Mit Medikamenten versucht man, dieses System zu „bremsen“:
- ACE-Hemmer (Angiotensin-Converting-Enzyme-Hemmer, z. B. Benazepril oder Enalapril)
- oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker (auch AT1-Blocker genannt, z. B. Telmisartan, Handelsname Semintra®).
Ziele der RAAS-Blockade:
- Blutdruck senken,
- Proteinurie reduzieren,
- Niere und Herz langfristig entlasten.
Voraussetzung ist ein sorgfältiges Monitoring von Nierenwerten, Elektrolyten (z. B. Kalium) und Blutdruck, besonders nach Beginn oder Dosisänderung dieser Medikamente.
Moderne CKD-Therapie ist ein Baukastensystem
Die Behandlung von CKD bei Hund und Katze besteht heute aus mehreren Bausteinen, die je nach Stadium kombiniert werden:
- Angepasste Diät
- Hochwertiges, bedarfsgerechtes Protein
- Phosphorreduktion, ggf. Phosphatbinder, wenn der Phosphatwert im Blut zu hoch bleibt
- Ausreichende Energiezufuhr, um Muskelabbau zu vermeiden
- Kontrolle von Blutdruck und Proteinurie
- Regelmäßige Blutdruckmessung
- RAAS-Blockade (ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker), wenn nötig
- Überwachung des UPC-Werts im Urin, um den Erfolg zu beurteilen
- Symptomatische Unterstützung
- Medikamente gegen Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit
- Behandlung von Anämie, falls ausgeprägt und möglich
- Flüssigkeitstherapie (Infusionen oder bei Katzen ggf. subkutane Flüssigkeitsgabe, wenn Herz und Kreislauf das tolerieren)
- Regelmäßige Kontrollen
- Blutwerte (Kreatinin, Harnstoff, SDMA, Elektrolyte, Phosphat)
- Harn (spezifisches Gewicht, Sediment, UPC)
- Blutdruck
- Body Condition Score und Muscle Condition Score
- ggf. Herzultraschall und Herz-Biomarker wie NT-proBNP oder kardiales Troponin I in speziellen Fällen
Was bedeutet das für Tierhalter?
Die wichtigste „Neuigkeit“ in der CKD-Behandlung ist vielleicht diese:
Je früher wir hinschauen, desto mehr können wir tun.
Für Halter heißt das ganz konkret:
- Senior-Check beim Tierarzt ab etwa 7–8 Jahren (bei Katzen oft früher sinnvoll):
- Blutuntersuchung inklusive SDMA,
- Urinuntersuchung inklusive UPC,
- Blutdruckmessung.
- Früh ernst nehmen, wenn der Hund oder die Katze:
- mehr trinkt und uriniert,
- langsam Gewicht verliert,
- schlechter frisst oder heikler mit dem Futter wird,
- „Einfach nur alt und ruhiger“ wirkt.
- Bei diagnostizierter CKD:
- konsequent kontrollierte Fütterung (Nierendiät passend zum Stadium),
- Bereitschaft zu regelmäßigen Kontrollen,
- genaues Beobachten von Appetit, Trinkverhalten, Gewicht und Allgemeinzustand.
Die gute Nachricht ist:
Mit moderner Diagnostik, individuell angepasster Ernährung, sorgfältiger Blutdruck- und Herz-Kreislauf-Kontrolle und Blick auf die Muskelmasse lässt sich die Lebensqualität von Hunden und Katzen mit CKD heute oft über viele Monate bis Jahre stabil halten. Das ist deutlich besser, als es noch vor einigen Jahren möglich war.
Häufige Fragen zur Niereninsuffizienz bei Hunden und Katzen, FAQs
- Was ist eine chronische Nierenerkrankung (CKD) bei Hund und Katze?
CKD steht für chronic kidney disease, also chronische Nierenerkrankung. Dabei verliert die Niere nach und nach dauerhaft an Funktion – und das ist leider nicht rückgängig zu machen. Die Erkrankung verläuft schleichend über Monate bis Jahre und wird in Schweregrade (sogenannte IRIS-Stadien) eingeteilt. Ziel der Behandlung ist es, das Fortschreiten zu verlangsamen und die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
- Woran merke ich als Halter, dass mein Tier an CKD leidet?
Die ersten Anzeichen sind oft sehr unspezifisch: das Tier trinkt mehr, urinieren häufiger, nimmt langsam ab, frisst schlechter oder wirkt einfach „älter“ und ruhiger. Häufig werden diese Veränderungen zunächst als normales Altern abgetan. Deutliche Symptome wie starker Gewichtsverlust, Erbrechen, Mundgeruch oder Apathie treten meist erst in späteren Stadien auf.
- Warum wird CKD so häufig erst spät entdeckt?
Weil die Niere eine große Reservekapazität hat. Ein Tier kann schon einen deutlichen Teil seiner Nierenfunktion verloren haben, bevor man von außen etwas bemerkt. Außerdem steigen klassische Blutwerte wie Kreatinin erst an, wenn bereits ein relevanter Funktionsverlust vorliegt. Deshalb sind regelmäßige Senior-Checks mit Blut- und Urinuntersuchung so wichtig, auch wenn das Tier scheinbar gesund ist.
- Welche Untersuchungen gehören heute zu einer modernen CKD-Diagnostik?
Neben der allgemeinen klinischen Untersuchung gehören dazu in der Regel:
- Blutuntersuchung inkl. Kreatinin, Harnstoff und SDMA (symmetrisches Dimethylarginin, ein früher Marker für die Filterleistung der Niere),
- Urinuntersuchung inkl. spezifischem Gewicht, Sediment und UPC (Protein-Kreatinin-Quotient, misst den krankhaften Proteinverlust im Urin),
- Blutdruckmessung,
- je nach Fall Ultraschall der Nieren.
Auf Basis dieser Daten wird die Erkrankung nach den IRIS-Stadien (internationales Nieren-Staging-System) eingeteilt.
- Was sind SDMA und UPC – und warum sind sie wichtig?
SDMA (symmetrisches Dimethylarginin) ist ein Stoffwechselprodukt, das fast ausschließlich über die Niere ausgeschieden wird. Steigt der SDMA-Wert im Blut an, deutet das auf eine verminderte Filterleistung der Niere hin – oft früher als Kreatinin.
UPC (Urine Protein-to-Creatinine Ratio) ist der Protein-Kreatinin-Quotient im Urin. Er zeigt, ob die Niere krankhaft viel Eiweiß verliert (Proteinurie) – ein wichtiger Faktor für die Einschätzung des Risikos und die Therapieplanung.
- Was bedeuten die IRIS-Stadien bei CKD?
Die IRIS (International Renal Interest Society) teilt CKD bei Hund und Katze in Stadien ein, grob von 1 (mild, früh) bis 4 (schwer). Grundlage sind vor allem Kreatinin- und SDMA-Werte, zusätzlich werden Proteinurie (UPC) und Blutdruck berücksichtigt. Das Stadium hilft der Tierärztin/dem Tierarzt, die Krankheit einzuordnen und die Behandlung (z. B. Diät, Medikamente, Kontrollen) dem Schweregrad anzupassen.
- Welche Rolle spielt die Ernährung bei CKD – braucht mein Tier sofort eine Nierendiät?
Die Ernährung ist ein zentraler Baustein der CKD-Behandlung. In frühen Stadien wird nicht immer sofort eine „klassische“ Nierendiät nötig, aber man achtet auf angemessene Proteinmengen in guter Qualität und vor allem auf reduzierten Phosphorgehalt. In fortgeschrittenen Stadien sind spezielle Nierendiäten sinnvoll: Sie entlasten die Niere durch moderat reduziertes Eiweiß, deutlich weniger Phosphor und eine angepasste Energie- und Nährstoffzusammensetzung.
- Besteht die Gefahr, dass mein Tier unter Nierendiät Muskeln verliert?
Ja, das kann passieren, wenn die Diät zu streng ist oder das Tier insgesamt zu wenig Energie aufnimmt. Deshalb achten wir nicht nur auf das Gewicht, sondern auch auf den Muscle Condition Score (MCS) – eine Einschätzung der Muskelmasse unabhängig vom Körperfett. Wenn unter einer Nierendiät Muskeln verloren gehen, kann die Fütterung angepasst werden (z. B. andere Diät, zusätzliche Energie, ggf. mehr hochwertiges Protein), um Niere und Muskulatur bestmöglich im Gleichgewicht zu halten.
- Was hat CKD mit Bluthochdruck, Herz und RAAS-Blockade zu tun?
Bei CKD ist häufig der Blutdruck erhöht, weil das RAAS (Renin–Angiotensin–Aldosteron–System) überaktiv ist. Dieses Hormonsystem reguliert Blutdruck und Wasser-/Salzhaushalt. Ein dauerhafter Bluthochdruck schädigt sowohl Niere als auch Herz, Augen und Gehirn.
Unter RAAS-Blockade versteht man Medikamente wie ACE-Hemmer (z. B. Benazepril) oder Angiotensin-Rezeptorblocker (z. B. Telmisartan, Semintra), die dieses System bremsen. Dadurch lassen sich Blutdruck und Proteinverlust im Urin senken – ein wichtiger Schutz für Niere und Herz.
- Wie ist die Prognose – kann mein Tier mit CKD noch lange gut leben?
Die Prognose hängt stark vom Stadium, vom Gesamtzustand des Tieres und davon ab, wie konsequent die Therapie umgesetzt wird. Viele Hunde und Katzen können mit CKD – vor allem, wenn sie früh erkannt wird – noch lange Zeit mit guter Lebensqualität leben. Entscheidend sind regelmäßige Kontrollen (Blut, Urin, Blutdruck), eine passende Ernährung und das frühzeitige Anpassen der Therapie, sobald sich Werte oder Befinden verändern. Als Halter können Sie durch aufmerksame Beobachtung und gute Zusammenarbeit mit der Tierarztpraxis sehr viel zum Erfolg beitragen.
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